Spanien und die Stiere - Toros Ensogados in Beas de Segura / Andalusien


Immer gegen Ende April steht das Dorf Beas de Segura im Zeichen der Stiere. Eine unblutige Corrida in Andalusien sind die Toros Ensogados auf der Feria de San Marcos


Dieses Spektakel dürfen Sie sich auf keinen Fall durch die Lappen gehen lassen, wenn Sie sich gegen Ende April auf einer Rundreise durch Andalusien befinden und eine unblutige Corrida sehen wollen: Die Toros Ensogados auf der Feria de San Marcos in dem kleinen Dorf Beas de Segura, etwas abseits der Nationalstrasse von Ubeda nach Albacete. Der verschlafene Ort liegt eingebettet in eine sanft hügelige Landschaft im weiten, lieblichen Tal des Rio Beas und stellt einen der drei nordwestlichen Zugänge zur Sierra de Segura dar, einem Teil des famosen Naturparks Sierras de Cazorla, Segura y Las Villas im Osten der Provinz Jaén.


Beas de Segura
Buntes Treiben auf der Feria de
San Marcos in Beas de Segura

Schon bevor es richtig losgeht, ist das ganze Dorf bunt geschmückt und in Feria-Stimmung. Auf Strassen, Plätzen und Balkonen herrscht ein unglaubliches Getümmel. Hier stimmt ausnahmsweise mal, was die Touristikbranche immer behauptet: Die Andalusier feiern gerne und vor allem ausgiebig. Wer nichts allzu dringendes zu erledigen hat, der trinkt sich schonmal warm, die ersten Gäste von ausserhalb trudeln ein und halten dabei kräftig mit. Bekannte, von denen ein richtiger Spanier viele hat, werden lautstark begrüsst und zu einer copa eingeladen.

Feria de San Marcos

Der würzige Duft von Gegrilltem schwängert die Luft, aus Garagen, zu provisorischen Kneipen umfunktioniert, dringen Musik, fröhlicher Lärm und gelegentliche Rauchschwaden, der Ortskern ist nach allen Seiten hin mit stabilen Barrikaden verrammelt, und alle wichtigen Bars und Hauseingänge sind durch Barrieren abgesichert, ebenso der Zugang zu der mitten im Zentrum installierten Notfall-Ambulanz. Eine Unterkuft bekommen Sie jetzt keine mehr, zumindest nicht hier im Ort. Jedes Hotel in Beas de Segura ist ausgebucht bis unters Dach.


Eine spanische Corrida ohne Blutvergiessen - das gibt es tatsächlich. In Beas de Segura hält man noch grosse Stücke auf die alte Tradition des Stierlaufens. Das Wort corrida (von correr = laufen, rennen) bezeichnet in seinem ursprünglichen Sinn eigentlich nur den Lauf der Stiere durch bestimmte, vorher abgesperrte Strassen und Gassen einer Ortschaft. Da diese corrida, verbunden mit einem gewaltigen jahrmarktähnlichen Volksfest, aber immer (oder fast immer) den Auftakt zum eigentlichen, die Feria beschliessenden Stierkampf darstellt, hat sich der Ausdruck als Synonym für den Stierkampf schlechthin eingebürgert.


Toros ensogados - Feria San Marcos
In Beas geht es unblutig zu -
zumindest was den Stier betrifft.
Herausgefordert wird das Tier mit
Hüten oder Pappkartons...

Berühmtes Paradebeispiel für die alte Form der Corrida ist die Feria de San Fermín in Pamplona in Navarra, spätestens seit Hemingway's Roman "Fiesta" weltbekannt – doch dort sollten Sie besser nicht hingehen, denn Pamplona ist mittlerweile, unter dem Einfluss der klingelnden Kassen des Massentourismus, zu einem der übelsten Schauspiele verkommen, die Spanien je zu bieten hatte (abgesehen vielleicht von der Inquisition). Den Stieren werden Fackeln und Feuerwerkskörper an die Hörner gebunden und auch anderweitig werden die Tiere auf alle nur mögliche Art gepiesackt, mit dem einzigen Zweck, sie so richtig wild zu machen. Man glaubt heute anscheinend, dem sensationslüsternen Publikum das schuldig zu sein.


Nicht so in Beas. Da geht noch alles seinen gewohnten Gang. Denken Sie daran, wenn Sie zuhause am PC den nächsten Spanien Urlaub online buchen: Termin für San Marcos ist immer vom 22. bis zum 25. April, und direkt danach beginnt die beste Zeit für Ausflüge in den nahe gelegenen Naturpark. Angenehme Frühlings- Temperaturen laden zum Wandern ein, und die ganze Sierra ist ein einziges üppiges Blütenmeer. Da können Sie sich dann wunderbar vom Feria- Stress wieder erholen, denn falls das San-Marcos-Fieber Sie richtig packt, kann Beas ziemlich anstrengend werden. Da haben Sie ein wenig Regeneration hinterher bitter nötig.


Toros ensogados in Beas de Segura
...und selbst Regenschirme
werden dafür zweckentfremdet

Schon im Altertum spielte der Stier in der Mythologie vieler Völker eine Rolle als Sinnbild von Fruchtbarkeit, Kraft, Macht und unbezähmbarer Wildheit. Die Tradition der Stierkämpfe reicht zurück bis in die Bronzezeit und hat sich (auch oder vor allem in Spanien !!) erst in den letzten beiden Jahrhunderten zu dem blutigen Schauspiel entwickelt, das wir heute darunter verstehen - und was die einen enthusiastisch lieben, die anderen als brutale Tierquälerei verdammen. In alten Zeiten dienten diese, damals eher sportlich anmutenden "Übungen" dem Zweck der Demonstration von Mut, Geschicklichkeit und der Überlegenheit menschlicher Intelligenz über das Tier, und dieser Tradition fühlt sich die "Peña Taurina" (= der in jedem spanischen Kuhdorf ansässige Stierkampf-Verein) von Beas de Segura, nach eigener Darstellung, auf das Engste verpflichtet.

Dabei geht es nicht darum, den Stier zu quälen oder gar zu verletzen, sondern eher um den typisch spanischen Hang zur Selbstdarstellung, also letzlich um den "Machismo" in Reinkultur. Der Spanier nennt das "cojones" beweisen, indem man sich unter waghalsigen Sprüngen und Manövern in scheinbare oder auch tatsächliche Lebensgefahr begibt, und sich dann, oft erst im allerletzten Moment, geschickt wieder aus der Affäre zieht. Diese fast spielerisch wirkenden Figuren der Begegnung zwischen Mensch und Stier folgen dabei einem mehr oder weniger festgelegten Ritual, wobei die kühnsten und schönsten dieser Manöver, wie in der Arena, vom fachkundigen Publikum beklatscht und lauthals bejubelt werden. Oft allerdings hilft als letzte Rettung nur der Sprung hinter die schützenden Barrieren - oder notfalls auch über die niedrige Mauer der Plaza ins Wasser des Rio Beas. Und selbst dort ist man vor Verfolgung nie ganz sicher.


Beas de Segura - Feria de San Marcos
Solide Barrikaden schützen sowohl die
Zuschauer - als auch flüchtige Akteure

Die drei ersten Tage von San Marcos dienen mehr der Volksbelustigung, wobei die Dorfjugend mit meist nur einjährigen Kühen und Jungbullen ihre Spässe treibt. Gelegentlich wird zwar auch der eine oder andere unachtsame, oder schon leicht angesäuselte, Tourist auf die Hörner genommen oder unsanft an die nächste Absperrung gedrängt, aber immer ist sofort Hilfe zur Stelle, sodass diese Begegnungen in der Regel glimpflich verlaufen. Richtig zur Sache geht es dann am 25., dem Höhepunkt der Feria, denn da kommen ausgewachsene Stiere ins Spiel. Auch wenn es sich dabei nicht um "echte" wilde Kampfstiere handelt, so ist doch eine gewisse Vorsicht geboten, denn diese Tiere sind von Natur aus wesentlich agressiver als die Kühe - und bringen, neben beeindruckenden Hörnern, bisweilen locker eine halbe Tonne geballter Kraft auf die Waage.

Wenn die Tiere in den speziellen Transport-LKWs ankommen, werden sie auf der Plaza de San Marcos freigelassen, nachdem ein langes stabiles Tau (span. soga – daher ensogado) an den Hörnern befestigt wurde, mittels dessen eine Art Wachmannschaft aus fünf oder sechs kräftigen Burschen den Lauf des Tieres zu dirigieren versucht. Getrieben wird dabei nicht, es handelt sich eher um eine Sicherheitsmassnahme, eine Art Notbremse. Doch immer wieder entkommt ein Tier seinen Bewachern und begibt sich auf eigene Faust auf Erkundungstour, wobei alles attackiert wird, was im Wege steht.


Ganz ungefährlich ist das nicht, trotz der überall angebrachten Absperrungen, hinter die man jederzeit flüchten kann: kleinere Unfälle, vor allem unter den wagemutigen "Artisten", sind an der Tagesordnung, und wer in der Ambulanz nicht wieder zusammengeflickt werden kann, der wird mit dem stets parat stehenden Krankenwagen ins nächste Hospital abtransportiert.

Aber auch Sie als normaler Feria-Besucher sollten etwas aufpassen, denn meist sind mehrere Tiere gleichzeitig im Dorf unterwegs. Wer beim Wechsel von einer Kneipe in die nächste die Strasse überqueren will, tut also gut daran, zuerst in beide Richtungen sorgfältig Ausschau zu halten.

Am 26.April schliesslich endet die Feria de San Marcos mit einer der üblichen Prozessionen durch das Städtchen, diesmal allerdings ohne Stiere. Die wurden am Abend vorher bereits wieder abtransportiert, die einen zurück auf die Weide - und die anderen zum Schlachthof.



28.05.2010 - Text und Fotos by Raoul Moreno



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